Von Peter M. Jenni auf Mittwoch, 01. April 2015
Kategorie: TAM News

Tauben in der Backstube

Auf den Dächern Murgs flattern keine Tauben, dafür aufmüpfige Spatzen und aus dem Versteck beobachtende nervös tänzelnde Meisen. Es ist Frühling und damit steht Ostern vor dem Nest. - Gott sei Dank – Mehl, Handwerk, Gemeinde, Nachbarn, Frieden und Ostern 2015.

Für einige Dorfspatzen bedeuten die Feiertage gemütliches Beisammensein in und mit der Familie und Flug-Spass über alles, was ein Flügelschlag wert ist. Andere nutzen die Zeit für eine Urlaubsreise auf abseits gelegene Dachlandschaften oder bedienen sich der Krümel, die vor „Murg-City“ von den Kuchentellern der ersten Sonnenanbeter fallen.

Ostern ist Frühlingserwachen, sind blühende Obstbäume, die Osterglocken im Garten, wärmende Sonnenstrahlen und die auf wenige Tage begrenzte Flug-Zeit der Oster-Tauben, auf die das etablierte Murgscher Vogel-Volk mit achtungsvollem Blick und Begehren schaut und wartet.

Kaum klettert die Quecksilbersäule an der Fassade des Oess-SPAR-Marktes in der Staatsstraße und der dünner gewordene Blatt-Kalender ist beim A wie April angekommen, bestellen Reto und Otto Oess instinktiv mehr Mehl in der benachbarten Mühle. Genauso instinktiv stellt die Chefin des Hauses Priska Oess die goldig schimmernden Pergament-Papier Backformen bereit, die verraten, was in den Nächten vor den Ostertagen in der Backstube Flügel bekommt.

Mehl ist für die Brüder Otto und Reto die Grundlage ihres Handwerkes und z.T. ihrer Existenz, das beide mit Ehrfurcht seit mehr als drei Jahrzehnten in der Bachstube, im Markt und im Frühstücks-Cafe ausüben, für das alles einst, im Jahre 1966, Mutter Maria und Vater Otto den Grundstein legten. Die Mutter backte anfangs Tag und Nacht in der Küche, die sehr schnell zu klein wurde und aufgrund des Backwarenbedarfes in den 70iger Jahren eine eigene Backstube erforderte.

Wer nachts den Orion am Himmel sucht oder am frühesten Morgen mit dem Hund durch Murg schloddert, sieht den Reto und den Otto in mehlbestäubten T-Shirts durch die schwitzenden Fensterscheiben in ihrem Element - dem Backen. Und vor Ostern geht es immer ganz traditionell zu. Die schönsten Familien-Back-Rezepte sind die für die Fest- und Feiertage, wie das für die Oster-Tauben. Was es beinhaltet? Weit gefehlt, auf diese Frage geben die Murger Bäckermeister keine Antwort, aber ein schelmig-freundliches Zwinkern.

So wie das Osterbrot dem Brauch des Fastenbrechens dient, ist das süße kuchenähnliche Täubchen-Gebäck eine kleine Spezialität, das in diesen Tagen vielen Oster-Backwaren voran begehrt ist und am Gründonnerstag oder am Karsamstag unbedingt auf den Kaffeetisch gehört.

Das Familienunternehmen Oess feiert im kommenden Jahr sein 50. Firmen-Jubiläum. Fünf Jahrzehnte Versorgung und Dienstleistung als Lebensleistung.

Auf dem Oess-Hausdach kauerten schon viele Generationen von Spatzen in Frieden. Den ultimativen Schreck gab es für sie immer nur dann, wenn die 400 gr. gewichtigen zucker-überpuderten Oster-Täubchen aus der Backstube in die Regale und von dort aus unter andere Dächer direkt auf den Küchentisch flatterten. Angesichts dieser Flug- und Landeerlaubnisse seitens der Gemeinde, die Spatzen nur für das Frei-Cafe vor „Murg City“ erhalten, bleibt den Spatzen vor jedem Osterfest schnabelweit der Atem stocken.

Die Ostertauben aus Murg (rechts) sind nicht nur lecker, sie sind auch eine Institution und die Zöpfe gehören auch zum österlichen Backwerk dazu: Otto (links) und Reto Oess synchron arbeitend in der Bachstube. (Bilder Peter Jenni)

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